AUSSTELLUNG
Lauben 9 - Bozen
1.0

Die Ausstellung

Diese Ausstellung kann nur einen kleinen Einblick in die Situation Südtirols in den 1960er Jahren bieten. Diese Jahre des Höhepunktes des „Südtirol-Konflikts“ sind derart vielschichtig, dass vor allem im Vordergrund steht, das Interesse an den damaligen Vorgängen – die wesentlich für den Weg zur Freiheit für Südtirol waren – zu wecken.

Im Mittelpunkt stehen daher jene Personen, die ein „Opfer für die Freiheit“ zu bringen bereit waren, die Aktivisten und Sympathisanten des „Befreiungsausschusses Südtirol“ (BAS). Es muss aber auch all jener Personen gedacht werden, die selbst Opfer in den Jahren des „Südtirol-Konfliktes“ wurden.

2.0

Vorgeschichte

Der „Südtirol-Konflikt“ hat seinen Ursprung in der Besetzung Südtirols durch Italien nach dem Ersten Weltkrieg im November 1918 und der faschistischen Machtübernahme in Italien im Jahr 1922. Die Maßnahmen der faschistischen Regierung unter Benito Mussolini zur Italianisierung Südtirols und zur „Majorisierung“ (Veränderung der Bevölkerungsmehrheit) durch die vom Staat geförderte Massenzuwanderung von Italienern aus dem Süden sowie die zwischen Hitler und Mussolini ausgehandelte „Option“ brachte die deutschsprachige Südtiroler Bevölkerung in arge Bedrängnis.

Sogar noch Ende der 1950er Jahre – also lange nach dem Zweiten Weltkrieg – setzte Italien die Politik der „Majorisierung“ fort und siedelte weiterhin bewusst tausende Süditaliener in Südtirol an. Zudem gab es für deutsche und ladinische Südtiroler weiterhin kaum Zugang zu öffentlichen Stellen und zu Sozialwohnungen. Dies alles führte 1957 zu einer großen Demonstration auf Schloss Sigmundskron bei Bozen, der „Kundgebung von Sigmundskron“, sowie zur Gründung der Widerstandsorganisation „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS).

3.0

Wer

Ab 1956 sammelten sich um Sepp Kerschbaumer aus Frangart bei Bozen Südtiroler aller Altersgruppen, um Widerstand zu leisten und gegen die immer aussichtsloser erscheinende Lage der deutschen Bevölkerung zu demonstrieren. Etwa zeitgleich entstand in Nordtirol eine Gruppe des BAS, der sich auch Personen aus anderen Bundesländern und Studenten aus Deutschland anschlossen. Die insgesamt etwa fünf Personengruppen des BAS hatten nur einen losen Kontakt untereinander. Zudem gehörten deren Mitglieder unterschiedlichen politischen Richtungen und Ideologien an. Alle BAS-Aktivisten einte aber der Wille, etwas für die Situation der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols zu erreichen − alle waren bereit zu einem „Opfer für die Freiheit“!

Dies, obwohl bald klar war, dass Italien mit extremen Repressionen gegen die Widerstandskämpfer des BAS reagieren würde. Wie brutal der Staat aber gegen die Südtirol-Aktivisten vorgehen würde, das überstieg jede Erwartung. Die inhaftierten Freiheitskämpfer wurden brutal gefoltert, und bald schon sollten die ersten zwei Häftlinge sterben – Franz Höfler mit 28 Jahren und der fünffache Familienvater Toni Gostner mit 41 Jahren. Nach der Erschießung des BAS-Aktivisten Luis Amplatz und der lebensgefährlichen Schussverletzung von Jörg Klotz war klar, dass Elemente des italienischen Staates auch vor gezieltem Mord nicht zurückschreckten.

Die hier vorgestellten Menschen stellen eine kleine Auswahl aller Widerstandskämpfer und Sympathisanten des BAS aus Südtirol, Österreich und Deutschland dar.

4.0

Wie

Politischer Widerstand

Die BAS-Aktivisten der ersten Stunde versuchten ab 1957, auf die Probleme der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols aufmerksam zu machen.

Dazu zählten die Verteilung von Flugblättern, das Hissen der Tiroler Landesfahne und das Aufmalen des Tiroler Adlers auf Felswände.

Diese für die Südtiroler bedeutenden Symbole waren seit der Faschistenzeit verboten und deren Verwendung stand auch noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg unter beträchtlichen Strafen!

 

Anschläge

1961 verabschiedete der italienische Senat ein neues Staatsbürgerschaftgesetz, durch das Südtiroler Rückoptanten mit einem bloßen Verwaltungsakt ausgebürgert werden konnten, wenn sie nicht „der Treuepflicht gegenüber dem Staate und seiner Institutionen“ nachkamen. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Deshalb trafen sich am 1. Juni 1961 in Zernez in der Schweiz 10 Vertreter des Nord- und Südtiroler BAS, um sich zu beraten, wie sie politischen Widerstand leisten und die internationale Öffentlichkeit auf die Zustände in Südtirol aufmerksam machen konnten. Sie beschlossen, gemeinsam Anschläge gegen faschistische Denkmäler und Symbole der italienischen Staatsmacht, der Kolonialisierung und Zuwanderungspolitik durchzuführen, unter der Bedingung, dass dabei absolut kein Menschenleben in Gefahr kommen durfte. Das Datum der „Feuernacht“ wurde festgelegt.

Spätestens ab 1964 fiel diese Schranke, zweifellos bedingt durch die Folterungen inhaftierter BAS-Aktivisten und durch die Ermordung von Luis Amplatz, anderer Aktivisten und unbeteiligten Zivilisten. Die Verursacher von Anschlägen auf Menschen wurden immer unerkenntlicher, und spätestens ab 1964 ist eine Verwicklung des italienischen Geheimdienstes in zahlreiche Anschläge nicht zu verleugnen. Durch diese „Strategie der Spannung“ sollten die Aktivisten diskreditiert und isoliert sowie auf Österreich Druck ausgeübt werden.

Ab 1961 führten italienische Neofaschisten in Österreich Sprengstoff-Anschläge gegen Menschen durch. Die Täter wurden nicht bestraft.

5.0

Folgen

Neben dem menschlichen Leid der Opfer der 1960er Jahre hatte der „Südtirol-Konflikt“ auch direkte Auswirkungen: Italien verstärkte bereits ab dem Ende der 1950er Jahre und vor allem nach der „Feuernacht“ massiv seine Sicherheitskräfte in Südtirol, was zu einem Aufmarsch von Soldaten des Heeres, der Carabinieri und der Guardia di Finanza sowie von Polizeikräften mit einer Zahl von bis zu 40.000 Personen führte. Südtirol glich bis 1970 einem „Heerlager“.

Auch Österreich verstärkte seine Grenzüberwachung vor allem aufgrund des starken außenpolitischen Drucks Italiens auf Österreich durch die „Konzentrierte Abteilung“ der Bundesgendarmerie und im Jahr 1967 – nach dem „Vorfall“ auf der Porzescharte – durch den Einsatz des Österreichischen Bundesheeres an der Grenze.

Die sowohl für Südtirol wie letztlich auch für Italien positive Folge der Problemjahre war der Abschluss des „Südtirol-Pakets“ im Jahr 1969.

Unter „Paket“ versteht man das Paket von Maßnahmen, die zur Umsetzung der Südtirol-Autonomie nötig waren. 1972 wurde das „Zweite Autonomiestatut“ verabschiedet. Es beinhaltete unter anderem, dass die öffentlichen Stellen auf die einzelnen Bevölkerungsgruppen gerecht verteilt wurden – also je nach Prozentanteil der drei Volksgruppen. Außerdem wurde der verpflichtende Zweisprachigkeitsnachweis eingeführt. Damit muss jeder, der eine öffentliche Stelle besetzt, auch die Zweisprachigkeitsprüfung bestanden haben bzw. sowohl ein deutscher als auch ein italienischer Bürger darf sich in seiner Muttersprache an jedes Amt wenden.

6.0

Opfer

In den 1960er Jahren kamen mindestens 35 Personen im Zusammenhang mit dem „Südtirol-Konflikt“ ums Leben und zahlreiche Personen wurden verletzt. Diese Menschen starben aus den unterschiedlichsten Gründen.

Auch wenn bis heute dem BAS die Täterschaft für die meisten der Opfer unter den italienischen Soldaten der Alpini, Carabinieri und der Guardia di Finanza sowie der Polizei zugeschrieben wird, sind die meisten Anschläge gegen italienische Sicherheitskräfte bis heute ungeklärt! Allerdings sind trotzdem noch einige der ehemaligen BAS-Aktivisten in Italien verurteilt, auch für Taten, die sie nicht begangen haben. Da es sich in den Augen von Italien um ein „politisches Verbrechen“ handelt, verjährt die Strafe nicht. Eine Amnestie beziehungsweise eine Rehabilitierung wird von Italien nach wie vor abgelehnt.

Ungeachtet dessen sei an dieser Stelle aller Opfer des „Südtirol-Konflikts“ gedacht.

Jedes Opfer bedeutete letztlich
einen Schritt auf dem Weg zur
Freiheit für Südtirol!